Artikel 6, 8 oder 9:

Entscheidend ist die Transparenz

Im März trat die EU-Offenlegungsverordnung in Kraft, zum Jahreswechsel wird der erste Teil der EU-Taxonomieverordnung umgesetzt – die Regulierung bezüglich nachhaltiger Kapitalanlagen durch die EU fasst jetzt Tritt. Zahlreiche Fonds am Markt schmücken sich bereits mit den neuen Attributen: Artikel 6, Artikel 8 oder Artikel 9 – institutionelle Investoren müssen sich nun genau wie Privatanleger mit diesen neuen Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Was verbirgt sich dahinter?

Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR)

Anders als häufig vermutet schreibt die Offenlegungsverordnung (OV) keine bestimmten Nachhaltigkeitskriterien von Finanzanbietern oder -produkten fest – und erst recht nicht vor. Es handelt sich vielmehr um ein Transparenzgebot: Die Fondsanbieter müssen ihre Strategien im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken offenlegen, Transparenzpflichten einhalten und ihre Produkte bestimmten Nachhaltigkeitskategorien zuordnen, für die dann wiederum unterschiedliche Transparenzstandards gelten.

Portraitfoto von der Managerin Sustainability, Sarah Krüger

„Die Transparenz macht den Unterschied! Die Offenlegungsverordnung ist eine sinnvolle regulatorische Grundlage. Mit Ihrer Hilfe kann die Transparenz in der Kommunikation von Nachhaltigkeitsaspekten in Investmentstrategien erhöht werden. Das Produkt soll aber zu Ihrer Anlagestrategie passen – und dies ist nicht zwingend mit einem Haken beim Artikel 8 oder 9 der Offenlegungsverordnung gegeben.“

Sarah Krüger, Managerin Sustainability

Taxonomieverordnung

Die Taxonomieverordnung wiederum definiert vergleichbare Nachhaltigkeitskriterien für Finanzprodukte, wobei sich Nachhaltigkeit in diesem Kontext ausschließlich auf Klima- und Umweltschutzaspekte bezieht. Diese Kriterien beziehen sich auf die Produkte sowie die Prozesse des Asset-Managers, jedoch nicht notwendigerweise auf jedes einzelne Asset; um auch auf dieser Ebene Mindeststandards zu formulieren, werden Technische Regulierungsstandards (RTS) entwickelt und abgestimmt. Die Taxonomieverordnung ist in zwei Schritten umzusetzen: Ab Anfang 2022 bezüglich der klimaschutzrelevanten Kriterien und ab Anfang 2023 bezüglich der übrigen Umweltschutzaspekte. Offenlegung und Taxonomie sind also zwei unterschiedliche Verordnungen, wobei die Offenlegungsverordnung künftig auf die Taxonomieverordnung zurückgreift.

Artikel 6, Artikel 8, Artikel 9

Nach Offenlegungsverordnung (OV) müssen die Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGen) ihre Anlageprodukte bestimmten definierten Anlagekategorien zuordnen, in aller Kürze definiert als Anlageprodukte gemäß Artikel 6, 8 oder 9:

  • Artikel 6: Transparenz bei der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken: Es wird offengelegt, ob und wie Nachhaltigkeitsrisiken auf den drei ESG-Ebenen (Environment, Social, Governance) berücksichtigt werden. Sollten sie nicht berücksichtigt werden, muss dies erwähnt und begründet werden.

  • Artikel 8: Transparenz bei der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale in vorvertraglichen Informationen: Werden Fondsprodukte mit bestimmten Nachhaltigkeitseigenschaften beworben, so müssen diese auch transparent dargestellt werden und nachvollziehbar sein. In der Öffentlichkeit werden diese Artikel-8-Fonds oftmals als „hellgrün“ oder „light green“ bezeichnet.

  • Artikel 9: Transparenz in vorvertraglichen Informationen bei nachhaltigen Investitionen: Besondere Anforderungen gelten, wenn Fonds nicht nur mit bestimmten Nachhaltigkeitskriterien, sondern mit einer nachhaltigen Anlagestrategie werben. Denn das bedeutet, dass konkrete und messbare Nachhaltigkeitsziele Teil der Anlagestrategie sind. Artikel-9-Fonds werden auch als „dark green“ oder „dunkelgrün“ bezeichnet. In diese Kategorie fällt auch der Begriff „Impact Investing“. Der Impact-ELTIF „klimaVest“ der Commerz Real beispielsweise fällt in die Kategorie Artikel-9-Fonds. 

Das Schaubild zeigt die unterschiedlichen Kriterien der Abstufungen von NON-ESG Fonds bis hin zum Impact Produkt. Bei Artikel-8- und Artikel-9-Fonds werden strenge Anforderungen an die Transparenz ihrer Nachhaltigkeitsstrategien gestellt. Das bedeutet allerdings weder, dass Artikel-6-Fonds deshalb zwangsläufig „schmutzig“ sein müssen, noch, dass alle Artikel-8-Fonds jegliche erdenklichen Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Entscheidend ist die Transparenz über die Nachhaltigkeitsstrategie und ihre Umsetzung.

Auch ein Bestandsfonds kann als nachhaltig gemäß Artikel 8 eingestuft werden

Deshalb ist es auch kein Widerspruch, wenn ein seit Jahrzehnten etablierter Immobilienfonds mit seinen Bestandsimmobilien von der BaFin für den Vertrieb als Artikel-8-Fonds zugelassen wird – sofern das Nachhaltigkeitsmerkmal beispielsweise darin besteht, den CO2-Fußabdruck des Immobilienbestands sukzessive durch Sanierungsmaßnahmen zu verbessern, dies auch nachweislich geschieht und transparent gemacht wird. Der „hausInvest“ der Commerz Real gehörte zu den ersten offenen Artikel-8-Immobilienfonds in Deutschland. 

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht zielführend, wenn langfristig möglichst alle Immobilienfonds die Voraussetzungen für Artikel 9 erfüllten? Nicht unbedingt, denn der regulatorische Aufwand zur Umsetzung (bspw. Impact-Due-Diligence) ist enorm, und der zusätzliche Nutzen für den Anleger sowie für Umwelt und Klima wäre unter Umständen begrenzt. Denn auch im Rahmen von Artikel 8 kann klar festgelegt sein, dass Nachhaltigkeitskriterien wie eine sukzessive Verkleinerung des CO2-Fußabdrucks auf Portfolioebene kontinuierlich durchgeführt und überwacht werden sowie bestimmte Anforderungen an Neuakquisitionen gestellt werden. Der Zusatznutzen von Artikel 9 würde nahezu verpuffen – im Gegensatz etwa zu einem Impact-Fonds mit Fokus auf Erneuerbare.

Veröffentlicht am 18.11.2021