Warum wird Strom immer teurer?

Die meisten Bürgerinnen und Bürger haben es bereits gemerkt. Viele Produkte und Waren des täglichen Lebens sind in den vergangenen Monaten teilweise erheblich teurer geworden: Ob an der Supermarktkasse, an der Tankstelle oder beim Friseur. Auch viele Stromversorger haben in den vergangenen Monaten ihre Kundinnen und Kunden über Strompreisanpassungen informiert.

Doch diese Anpassungen sind eigentlich für die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher schon „alte Bekannte“. Denn seit der Liberalisierung des Strommarkts 1998 zeigt der Preis für elektrische Energie nur in eine Richtung: nach oben.

So sprechen auch Langzeitdiagramme eine klare Sprache: Während beispielsweise 2006 der Preis für eine Kilowattstunde (kWh) Strom noch bei 19,46 Cent lag, mussten Verbraucherinnen und Verbraucher im Januar 2022 36,19 Cent/kWh bezahlen. (Quelle: BDEW, Stand: 01/2022)

Unterschiedliche Kostenblöcke bestimmen den Strompreis

Um die Entwicklung des Strompreises zu verstehen, muss ein Blick auf die Bestandteile des Strompreises geworfen werden. Dieser setzt sich im Großen und Ganzen aus drei Blöcken zusammen:

  • Beschaffungspreise, Vertrieb, Service
  • Staatliche Steuern, Abgaben und Umlagen
  • Netzentgelte

Die Kosten für die Strombeschaffung machen etwa 38 Prozent, die staatlichen Steuern, Abgaben und Umlagen rund 40 Prozent und die Netzentgelte 22 Prozent aus.

Vor allem der Anteil der Steuern, Abgaben und Umlagen am Strompreis ist seit 1998 drastisch gestiegen – um mehr als 250 Prozent. Dieser Kostenblock war in der Vergangenheit also stets Quelle und Anlass für Strompreiserhöhungen der Versorgungsunternehmen. Der Anteil der Kosten für Beschaffung, Netzentgelt und Vertrieb ist im gleichen Zeitraum um 67 Prozent gestiegen. (Quelle: BDEW)

Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen haben sich die Vorzeichen allerdings geändert. Denn die jüngste Preisrally ist nicht mit einer Steigerung der staatlichen Steuern oder Netzentgelte zu erklären.

Preisrally seit 2021

Vielmehr hat sich seit 2021 der „perfekte Sturm“ zusammengebraut. Was ist passiert?

Nach dem Ende der ersten Corona-Phase ist die Konjunktur weltweit in vielen Ländern zeitgleich wieder angesprungen, sodass die Nachfrage nach Energieträgern wie Heizöl, Benzin, Diesel und Gas das Angebot überstieg. Die Folge waren steigende Preise an den Weltmärkten.

In Deutschland kam es parallel zu einem Sondereffekt. Denn während der Gesamtstromverbrauch unter anderem aufgrund der anspringenden Konjunktur stieg, wurde witterungsbedingt weniger Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt als im Vorjahr. Besonders im ersten Quartal 2021 gab es im Vergleich zu 2020 extrem wenig Wind. Im Jahresvergleich schien auch die Sonne deutlich weniger. (Quelle: UBA)

In Deutschland war zu Beginn des Jahres 2021 zudem ein CO2-Preis eingeführt worden, der sich insgesamt ebenfalls auf die Preise auswirkte.

Schließlich sind seit 2021 die Erdgaspreise zunächst aufgrund der geringen Füllstände der Gasspeicher und der Spannungen zwischen der Ukraine und Russland, dann 2022 aufgrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine und der sich bis heute immer weiter zuspitzenden Lieferengpässe in bisher ungeahnte Höhen geschnellt.

Merit-Order-Effekt treibt Strompreise

Die hohen Preissteigerungen für Erdgas führten auch zu höheren Strompreisen – vor allem aufgrund der Abhängigkeit der Stromerzeugung vom Erdgas.

Verantwortlich dafür ist die sogenannte Merit-Order – das ist die Einsatzreihenfolge der stromproduzierenden Kraftwerke. Die Kraftwerke, die fortlaufend sehr preisgünstig Strom produzieren, beispielsweise Wind- oder Photovoltaikkraftwerke, werden gemäß der Merit-Order als Erstes zur Einspeisung zugeschaltet. Danach werden so lange Kraftwerke mit höheren Kosten hinzugenommen, bis die Nachfrage gedeckt ist. Der Preis errechnet sich dann allerdings nicht als Durchschnitt der Produktionskosten, die bei den unterschiedlichen Kraftwerkstypen anfallen. Auf dem Strommarkt bestimmt das teuerste gerade noch benötigte Kraftwerk den gesamten Strompreis. In Deutschland stehen in der Merit-Order momentan Gaskraftwerke am teuren Ende. Der Effekt: Der Strom wird an den Börsen teuer eingekauft.

Was plant die Politik?

Die Bundesregierung will die Bürgerinnen und Bürger wegen der hohen Strompreise entlasten. Dafür wird zum 1. Juli die EEG-Umlage – ein bisher bedeutender Kostenblock – abgeschafft. Es ist geplant, dass Energiekonzerne die sinkenden Kosten an die Endverbraucher weitergeben. Die Entlastung entspricht nach Angaben der Bundesregierung der Summe von etwa 6,6 Milliarden Euro.

Ob und in welchem Umfang die Stromversorger diese Entlastung auch direkt spüren werden, hängt von der Preisgestaltungspolitik der einzelnen Versorger ab. Das Beispiel der EEG-Umlage zeigt aber, dass die Kostenentwicklung nicht immer zwangsläufig nach oben zeigen muss, obwohl dies in den vergangenen Jahren fast immer der Fall war.